Geknetete Stadt
Der Konzept- und Aktionskünstler Christian Jankowski entwickelte das Projekt "Geknetete Stadt" eigens für die Stadt Lübeck. In Zusammenarbeit mit Schüler:innen der Schulen Paul-Gerhard, Geschwister-Prenski und Thomas Mann, erarbeitete er Zukunftsvisionen für Lübeck, die seit Herbst 2023 in der Kunsthalle St. Annen zu sehen sind.
Christian Jankowski
In seinen künstlerischen Arbeiten setzt sich Christian Jankowski oft mit Fragen nach der Autorenschaft und Authentizität eines Kunstwerks auseinander und hinterfragt dabei die Bedingungen seiner Entstehung, Wertschöpfung und Wirkmacht. Mit dem Kunstprojekt „Geknetete Stadt" tritt er als Künstler hinter den Teilnehmenden zurück, wodurch die Schüler:innen zu Hauptakteur:innen werden. Damit geht Jankowski innovative künstlerische Wege: Die Kunst fördert die Erfahrung von Selbstwirksamtkeit der jungen Menschen und wird zum Motor für gesellschaftliche Veränderungen.
Idee
Das Projekt "Geknetete Stadt" basiert auf Jankowskis eingehender Beschäftigung mit der gesellschaftlichen bedeutung der Lübecker Altstadt als Unesco-Weltkulturerbestätte. Gerade mit Block auf die nachfolgenden Generationen, stellt sich die Frage, welche Gestaltungsmöglichkeiten der eng gesteckte Rahmen einer solchen Auszeichnung bietet und wie sich die Zukunftsvisionen der jungen Menschen in diesem Zusammenhang verwirklichen lassen. Kann eine "Museumsstadt" nur besucht werden oder kann man sie auch umgestalten?
In einem kollaborativ angelegten Prozess lud Jankowski Kinder und junge Erwachsene im Alter von sechs bis 18 Jahren ein, ihre Wünsche, Sorgen und Visionen für die Stadt von morgen zu diskutieren und selbst kreativ-künstlerisch tätig zu werden. Besuche in den Klassen und gemeinsame Streifzüge durch die Stadt dienten der Erkundung historischer Stätten. Welche Bedeutung haben sie im Laufe der Jahrhunderte gewonnen? An was erinnern uns diese Bauwerke und was lassen sie vergessen?
Mit dem Kunstprojekt "Geknetete Stadt" möchte Jankowski den jungen Menschen Raum geben, jene Themen und Ideen zu formulieren, die ihnen wichtig sind. Doch wie können diese im Stadtraum sichtbar werden?
Zunächst sind die Schüler:innen gemeinsam mit dem Künstler durch die Stadt gezogen. An verschiedenen Orten haben sie sich gefragt, was fehlen könnte, um die Stadt noch lebenswerter und menschenfreundlicher zu gestalten. Auf Basis dieser Überlegungen sind spontane Performances entstanden: Mit dem eigenen Körper wurden beispielsweise Brücken, Bänke und Mülleimer dargestellt. Dies wurde fotografisch festgehalten.
In einem performativen Prozess entwickelten die Schüler:innen aus ihren Visionen im Anschluss kleine figürliche Skulpturen aus Knetmasse, wie z.B. das Selbstportrait „Ich als Aschenbecher“ als ein Appell für den verantwortlichen Umgang mit der Natur. Teils figürlich, teils abstrakt, haben die Wünsche, Sorgen und gefühlten Leerstellen in der Stadt Form angenommen.
Mit der Eröffnung der Ausstellung „Hello Lübeck. Dialoge mit der Kunsthalle St. Annen“ kam es im Dezember 2023 zur ersten öffentlichen Präsentation der Figuren, die als 3D-Drucke in der Ausstellung präsentiert wurden. Die Figuren und ihre eindringlichen Titel, die auf den Postern im Ausstellungsraum zu lesen waren, visualisierten die Wünsche, Sorgen und Ängste der jungen Heranwachsenden in Lübeck und forderten die Besuchenden auf, sich ihren Themen zu widmen.
Für den zweiten Teil der Ausstellung „Hello Lübeck“ wurden drei der Figuren überlebensgroß in Messing gegossen und an verschiedenen Orten des Museumsquartiers aufgestellt. Teilweise im öffentlichen Raum, prägen die Plastiken das Stadtbild und schreiben sich sichtbar in die Stadt- bzw. Kunstgeschichte ein. Sie ermahnen uns als Gesellschaft, den Stimmen und Visionen der jungen Generationen Raum zu geben. Die Plastiken bilden einen wesentlichen Grundstein für die Neupositionierung der Kunsthalle St. Annen, die auf Multiperspektive, Teilhabe, Generationengerechtigkeit und der Förderung der demokratischen Leitgedanken fußt.